Auf dieser Seite möchten wir ein wenig über unsere regelmässigen Radelausflüge mit den Radlern der “Weissen Speiche”, eine Untergruppe des Blindenvereins Rhein/Wupper e.V., berichten. Hier sollen im Laufe der Zeit immer mal wieder neue Berichte, auch von den Blinden selbst, zu lesen sein.

“Special-Link” zum Thema:

Mit der Tandemgruppe unterwegs.

Wieder einmal sind wir mit 10 Personen und 5 Tandems unterwegs. Irgend ein Sattel hatte sich während der Fahrt gelockert und die ganze Gesellschaft wartet kurz, bis es weitergehen kann. Ein Vater kommt mit seinen beiden kleinen Kindern an uns vorbei und ich höre, wie er den beiden erklärt, dass dies sicher der Tandemclub Langenfeld oder so ähnlich sei. „Oder so ähnlich“ bestätige ich.

Dass fünf von uns blind sind, ist nicht das Entscheidende an unserer Gruppe.

Nach ersten Kontakten im Jahre 1988 zwischen dem Blindenverein Rhein/Wupper und dem ADFC Ortsgruppe Langenfeld wurde die Tandemgruppe „Weiße Speiche“ aus ca. 14 Mitgliedern zwischen 21 und 70 Jahren gegründet. Er stellt eine Gruppierung des Blindenvereins Rhein/Wupper e.V. Geschäftsstelle Langenfeld dar, dessen Angebot nicht nur auf sozialer/kultureller, sondern auch auf sportlicher Ebene liegt. Weitere solche Aktivitäten sind eine Tanzgruppe, eine Kegelgruppe und eine Wandergruppe. Das Tandemfahren jedoch ist für Blinde ein besonders geeigneter Ausgleichssport. Zum Einen, weil – wie allgemein beim Radfahren – sehr viele Muskeln beansprucht werden, zum anderen aber auch, weil hier die Zusammenarbeit mit Nichtbehinderten tatsächlich eine „Zusammenarbeit“ darstellt und keine einseitige Angelegenheit ist.
Jo Ruppel vom ADFC Langenfeld formuliert es so: „Der Spaß am Radeln wird im Grunde erweitert durch das Tandemfahren, denn das Tandemfahren ist eine etwas andere Qualität des Fahrradfahrens. Man radelt nicht alleine, sonders es ist noch jemand hinten drauf, mit dem man sich unterhält, man erlebt die Welt ganz anders, wenn einem sein Partner auf Dinge hinweist. Man ist nicht alleine unterwegs, sondern es sind zwei Leute da, die im Gleichschritt trampeln.“
Meine eigene Erfahrung geht noch darüber hinaus: Als ich im Sommer letzten Jahres zu der Gruppe stieß, hatte ich Bedenken, dass sich mir gleich bei der ersten Tandemfahrt ein Blinder anvertraut. So war es mir nicht unlieb, als der Vorschlag gemacht wurde, ich möge doch erst mal mit meiner Frau zusammen das Tandemfahren üben. Die ganze Strecke bewunderten wir nun, wie akkurat die anderen ihre Tandems beherrschten, denn wir wackelten neben- und hinterher. Egal, wer von uns beiden vorne saß, der jeweilige Hintermann legte sich zu früh in die Kurve, oder schaute dem Vordermann über die Schulter, so dass der Pilot aus dem Gegensteuern gar nicht mehr herauskam.
Wie angenehm war ich überrascht, als ich das erste Mal mit einem Blinden fuhr. Sicher spielt auch die größere Erfahrung eine Rolle, doch wichtiger scheint mir, dass ein blinder Mitfahrer erst gar nicht in die Versuchung kommt, sich in die Kurve zu legen und damit das Tandem aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dadurch wird der Genuss des Tandemfahrens durch einen sehbehinderten Mitradler eher vergrößert als geschmälert.
Der Vorteil dieser Fortbewegungsart liegt auf der Hand: Bei gleichem Luft- und Rollwiderstand ist es die doppelte Kraft, die das Gefährt nach vorne treibt. Einer der Piloten berichtet schmunzelnd von einer ADFC-Tour, die er mit einem Blinden zurückgelegt habe. Der Leiter der Tour habe sich anfangs Sorgen gemacht, ob denn ein Behinderter überhaupt mitfahren könne, doch dann haben wir ihm gezeigt, was Physik ist. Zwei Leute treten bei zwei Rädern wie die anderen auch, brauchen aber nur einmal den Luftwiderstand zu überwinden. Wir haben dann erst mal die Truppe abgehängt und gezeigt was ein Tandem leisten kann.“
Gefahren wird einmal die Woche im Sommer jeden Mittwoch abends ab 18 Uhr und im Winter Freitagsnachmittags um 14.30 Uhr jeweils ca. zweieinhalbe Stunden lang. D. h. gefahren wird etwas weniger, denn meistens liegt denn doch eine Wirtschaft auf dem Weg . . .
Dort sitzt man in fröhlicher Runde und Josef, der Senior erinnert sich: „Für mich ist ein Tandem an sich nichts Neues. Ich bin jetzt immerhin 70 Jahre und wir haben 1940, als ich noch zu Hause bei meinen Eltern war, ein Tandem bekommen. Es war Kriegszeit, also mussten wir versuchen, einen Bezugsschein zu bekommen, den wir bei einer Behörde beantragen mussten. Die Beamten waren damals sehr großzügig und auch sehr sozial und haben gleich gesagt, so was muss gemacht werden. Wir bekamen einen Bezugsschein für ein Fahrrad und konnten uns ein Tandem kaufen.“ Nebenbei gesagt, da ich erst seit fünf Jahren in Langenfeld wohne, habe ich mich auf unseren Touren oft gefragt, wo wir jetzt eigentlich sind. Josef weiß trotz seiner Blindheit stets genau Bescheid.
Wolfgang, der von Anfang an mit dabei ist, ist vom Radfahren derart motiviert, dass er sich ein eigenes Tandem angeschafft hat. Doch wer sich schon einmal erkundigt hat, was so ein Gefährt kostet, der weiß, dass das nicht die Regel sein kann. Denn gerade bei einem Tandem sollte auf Qualität geachtet werden. Die Tandems der „Weißen Speiche“ sind durch den Blindenverein finanziert. „Gott sei Dank“ erzählt Siegfried, „haben wir durch unsere Kontakte Förderer gefunden, denn so ein Tandem kostet ja viel Geld und man kann nicht von einem Verein erwarten, dass er auf Anhieb zwei, drei Räder selbst finanziert.“
Es fällt auf, wenn Tandems unterwegs sind. Immer wieder trifft man auf erstaunte Reaktionen: „Mama kuck mal, sind das zwei aneinandergeklebte Fahrräder?“ Oder man merkt an den Blicken, dass das Auftauchen von Tandems, noch dazu in Gruppen, Aufmerksamkeit weckt. Noch deutlicher sind die Reaktionen, wenn man alleine auf dem Tandem unterwegs ist: „He, Sie haben Ihren Hintermann verloren!“ Dabei war es fast immer kein Hintermann, sondern eine Hinterfrau, denn Susanne setze ich meist zu Hause ab, muss dann allerdings alleine zum Treffpunkt strampeln.
Im Laufe der Monate habe ich viel gelernt. Vor allem habe ich gelernt, die Angst vor Blinden zu verlieren, genauer gesagt, die Angst davor, etwas falsch zu machen. Und sie haben mir viel geholfen dabei. Ich vergesse mehr und mehr, dass die Hälfte der Mitfahrer in unserem Tandemclub vieles nicht kann, was für uns Sehende selbstverständlich ist.
Wer von Ihnen nun Geschmack am Tandemfahrengefunden hat, sei es als Pilot oder als Betroffener Sehbehinderter, kann sich mit Susi Winter in Langenfeld in Verbindung setzen. Ihre Telefonnummer ist 02173/77779. Das gilt natürlich auch, wenn Sie zu Weihnachten ein gutes Tandem bekommen haben und partout nicht wissen wohin.

Christoph Bernhardt

Seitenanfang

Besuch bei einer Bildhauerin

Karl Markowski vom ADFC Langenfeld führte an diesem Dienstag bei strahlender Sonne eine Tandemgruppe rund um den Nordwesten von Langenfeld an. Über die Pappelallee und vorbei am jüdischen Friedhof in Langenfeld-Richrath fanden wir bald Schutz im Schatten des Garather Waldes. Durch den Schlosspark von Garath ging es direkt nach Wolfhagen, wo die Bildhauerin Elke Tenderich-Veit eine schlichte Werkstatt hat.
Die zierliche und äußerst sympathische Frau erwartete uns bereits und versorgte uns mit Mineralwasser. Sie erklärte uns, dass ihr Hauptarbeitsthema die Frau sei. Viele Materialien seien geeignet, dieses Thema zu realisieren. Während wir Langenfelder ihre überlebensgroße Bronzegruppe der Trauernden auf dem Vorplatz der Sankt-Josefs-Kirche in Immigrath kennen, gab es in ihrer Werkstatt kleinere Skulpturen aus Bronze, Holz, Gips, Keramik, Acryl und anderen Kunststoffen zu sehen und – ganz wichtig für speziell diese Gruppe - zu befühlen. „Kalte“ Gegenstände wie Metall oder Marmor leiten die Wärme der Hand schneller ab. „Warme“ Gegenstände wie Holz oder Kunststoff dagegen nehmen die Wärme der Hände nicht auf. Die weiblichen Formen brauchte man unseren Blinden nicht erst zu erläutern. Dazu kamen dann noch mit Bleiblech beschichtete Keramiken, mit Leder ummantelte Holzskulpturen oder mit Kunststoffband umwickelte Astgruppen, die wie Hausgeister im Kies vor dem Anwesen steckten.

Aus der Vielfalt der verwendeten Materialien ergab sich natürlich auch eine Vielfalt von Fragen. Meistens ging es um das Handwerkliche; denn ihre großartige Phantasie in der künstlerischen Gestaltung erklärte Frau Tenderich – Veit mit ungeplanten Einfällen. Eine eigene Metallgießerei wäre unwirtschaftlich. Die um ein z.B. Wachsmodell entwickelte Gießform geht in die Gießerei – früher nach Tschechien, jetzt auch schon in Deutschland. Die Formen lassen sich mittels gießfähigem und elastischem Kunststoff auch reproduzieren. All diese Dinge durften von den blinden oder sehbehinderten Mitgliedern der Tandemgruppe ertastet werden. Gerührt waren wir alle von der Selbstlosigkeit der Künstlerin; denn es war ja nicht zu erwarten, dass irgendjemand aus unserer Gruppe zu einem Auftraggeber werden könnte. Als wir uns anboten, wenigstens die Trinkgläser zu spülen, erfuhren wir, dass Frau Tenderich – Veit in dieser Werkstatt noch nicht einmal fließendes Wasser hat und mithin alles in ihr Wohnhaus nach Baumberg bringen musste...
Nach einer Mittagessenspause auf dem Baumberger Campingplatz fuhren wir dann noch in den Schlosspark von Benrath, wo es ja auch einen Riechgarten mit Küchen- und Heilkräutern gibt. Danach ging es über die alte (früher linksrheinische) Befestigungsanlage Haus Bürgel  und der Einkehr in einem Monheimer Eiscafé zurück nach Langenfeld.

Christian Doll